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Dienstag, 11. Juli 2017

William Faulkner – Licht im August (1932)






Teilweise tat ich mich etwas schwer mit diesem Roman Faulkners, etwa wenn ich an die ersten 100 Seiten denke. Zuerst ging es um die schwangere Lena, die von Alabama zu Fuß losging um den Mann zu finden, der sie verlassen hat, später ging es sehr ausführlich um die Entwicklung des irgendwie-Protagonisten Christmas. Generell ist es schwierig hier eine Hauptfigur auszumachen; wenn ich eine bestimmen müsste, wäre es wohl eben Christmas, ein in Clint-Eastwood-Manie maulfauler Antiheld.
Die Geschichte ist, wenn man sie auf einen Kernplot zusammenschrumpfen möchte, im Grunde eine Kriminalgeschichte; Christmas ist der Liebhaber und schließlich mutmaßliche Mörder einer mysteriösen Frau, die allein in einem nie besuchten Haus lebt. Seine Wohnung in einer Hütte nahe dem Haus teilt er sich mit Brown, der mit früherem Namen Lucas Burch heißt und anlässlich der Flucht vor der schwangeren Lena seinen Namen änderte. In die in dem Handlungsort Jefferson ankommende Lena verliebt sich der Arbeiter Bunch, auf den während ihrer Irrfahrt viele Hinweise als den ersehnten Lucas Burch alias Brown deuteten. Bunch wiederum pflegt Kontakte zu dem Geistlichen Hightower, bei dem er sich regelmäßig Ratschläge einholt. Nach dem Mord an der Frau brennt das Haus nieder, was die ganze Stadt unversehens in Alarmzustand versetzt. Erzählt wird das Ganze auf eine äußerst anspruchsvolle, aber auch immersive Weise; es gibt viel innere Monologe der einzelnen Figuren, der auktoriale Erzähler geht irgendwann auf nahezu jede Person einmal näher ein, springt richtiggehend in ihren Kopf, vermittelt, was sie denkt. An einer einzigen Stelle wird sogar der fließende Joyce’sche Bewusstseinsstrom (vgl. das Ulysses-Abschlusskapitel) ohne Interpunktionen verwendet, aber so gewählt und von so prägnanter Kürze, dass es nicht anstrengend ist. Die erzählten Szenen sind nicht geradlinig in der Geschichte, es finden Rückblenden von teilweise enormem Ausmaße statt (etwa als schon am Anfang das Haus abbrannte, und dann über gewiss 200 Seiten die kindliche und jugendliche Entwicklung von Christmas eingeschoben wurde, bis er zum „jetzigen“ Zustand kam und mit der Frau anbandelte). Ebenso springt die Erzählzeit beinahe willkürlich; Grundsätzlich wird im Präsens geschrieben, nur in den Rückblenden in der Vergangenheit, aber auch fast zufällig in einzelnen Sätzen mitten innerhalb der Präsensszenen. Die Themen, die der Roman berührt, umfassen all diejenigen, die ihn zu einem „klassischen amerikanischen Südstaatenroman“ machen: Rassissmus und Hass, Religion und Glaube, Alkoholismus, Liebe und Gewalt, Hitze, Armut und Hoffnung, harte Arbeit und vermutlich noch einige weitere. Auch in den großen Romanen von John Steinbeck, die ich aufs höchste bewundere („Jenseits von Eden“, „Früchte des Zorns“, „Von Mäusen und Menschen“), sind das immer wiederkehrende Motive, und beim Lesen von Faulkner hatte ich mich nicht selten an prägnante Stellen von ebendiesen Büchern erinnert gefühlt. Faulkner versteht es, eine einfache Handlung derart kunstvoll mit Worten zu beschreiben, dass die Handlung beim Lesen gar nicht immer offensichtlich ist, etwa indem nur die Gedanken der Person beim Handeln beschrieben werden, und nicht etwa ganz sachlich die Handlung an sich. Bisweilen ist dies beim Lesen etwas anstrengend, auch weil die Vorgänge in der Art der inneren Monologe oft (eben wie Gedanken) pausenlos aneinandergereiht werden. Manchmal ist es nicht sofort klar, um welche Figuren es gerade geht, auch wenn die Szenen dazu eigentlich nie Zweifel zulassen. Gerade die Szenen mit dem Geistlichen Hightower fand ich anfällig für solche Verwirrungen, bis es gegen Ende eine Stelle gab, an der sich Vergangenheit und Gegenwart zu verschmelzen schienen: als Lena (in der Gegenwart) ihr Kind gebar spielte sich im Text irgendwie gleichzeitig die Geburt von Christmas (in der Vergangenheit) ab. Ich weiß nicht, ob ich diese Stelle nur unaufmerksam und falsch gelesen habe, oder ob dies der gewünschte Effekt Faulkners war – sollte es letzteres sein, kann man dem Mann nur höchstes literarisches Niveau attestieren. Jedoch, dass er sich in diesen Gefilden bewegt – daran kann kein Zweifel bestehen. Oft habe ich mich beim Lesen nach einem Kapitel gedankenverloren ertappt, überwältigt von der schieren Macht, die Faulkner seinen Worten zu verleihen vermochte. Er schreibt schlicht und ergreifend so starke, intensive Sätze von zeitloser Gültigkeit, dass mir mit Sicherheit einige Aussagen davon in Erinnerung bleiben werden. Die Geltung des Literaturnobelpreisträgers ist im Allgemeinen mittlerweile unumstößlich; nicht umsonst war Faulkner später eines der größten Vorbilder des deutschen Sigfried Lenz. „Als ich im Sterben lag“ fand ich schon vor einigen Jahren herausragend, und ich hoffe nun, dieses bald erneut lesen zu können. „Licht im August“ ist ein großer Roman, ein durchaus repräsentatives Manifest für Faulkners Schreibkunst, ein Roman, der die Südstaaten unerbittlich darstellt und den Leser förmlich in die Köpfe der Handelnden steckt. Der geringfügige Punktabzug entsteht nur durch die manchmal auftretenden Schwierigkeiten, die ich beim Verständnis, beim Strukturieren, beim „Mitkommen“ hatte, und ist in diesem Sinne vermutlich eher auf meine Schwäche als Leser zurückzuführen, als auf die Schwächen des Buches.


Sonderausgabe für den Fackel-Buchklub Olten/Stuttgart/Salzburg, vorbehalten vom Rowohlt Verlag
Aus dem amerikanischen Englisch von Franz Fein
487 Seiten
Gedruckte Ausgabe von 1967


Wertung: 8 / 10

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