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Freitag, 14. Juli 2017

Haruki Murakami – Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt (1985)





Murakami ist wohl der Autor, von dem ich bislang das meiste gelesen haben. Dieser Band ist nun schon sein zehntes Buch in meiner Sammlung, und er ist definitiv einer meiner Lieblingsschriftsteller. „Naokos Lächeln“ gehört zu meinen Lieblingsromanen und „Südlich der Grenze, Westlich der Sonne“, „Kafka am Strand“, „Mister Aufziehvogel“ und „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ habe ich alle sehr genossen. Nicht verwunderlich, dass meine Erwartungshaltung hier sehr hoch war, doch leider wurde der Roman dem nicht gerecht. Insgesamt fand ich das Buch nicht sehr gelungen.

Es geht in der Geschichte um einen namenlosen Ich-Erzähler (eigentlich bekommt niemand in dem Buch einen Namen; alle werden nur mit ihrer persönlichen Eigenschaft bezeichnet, wie bspw. der Wächter, der Oberst usw.). Dieser ist von Beruf wegen ein Kalkulator, das heißt er verschlüsselt irgendwelche Daten für ein verschwommenes Firmenkonglomerat, „Das System“, um es vor Datendiebstahl des Feindes, „Der Fabrik“, zu schützen. Kalkulatoren, die dem System nicht mehr gerecht werden, landen für gewöhnlich dank ihres fachlichen Know-Hows bei der Fabrik, sofern sie nicht vom System liquidiert werden. Diese Welt ist „Hard-boiled Wonderland“. In dieser verschlüsselt der Protagonist für einen dubiosen Professor hochsensible Daten, er bekommt von ihm einen Einhornschädel geschenkt. Kurz darauf tauchen in seiner Wohnung mutmaßliche Anhänger der Fabrik auf, verwüsten diese und der Professor verschwindet. Dessen Enkelin wiederum führt den Ich-Erzähler in das Untergrund-Labor des Professors, und will von dort aus ein sicheres Versteck des Professors aufsuchen. In diesem Höhlensystem unterhalb von Tokyo wimmelt es vor nicht weiter beschriebenen Wesen, die Schwärzlinge genannt werden, Menschen entführen, opfern und fressen.
Die zweite Welt heißt „Das Ende der Welt“ und macht den Eindruck einer abgeschotteten Utopie. Dort existieren Einhörner, die Leute schneiden ihre Schatten ab und leben ohne Seelen. Der Ich-Erzähler an dieser Stelle kommt gerade frisch dort an, wird von seinem Schatten getrennt, und wird ein Traumleser; seine Augen werden derart präpariert, dass er kein helles Licht mehr vertragen kann. In der Bibliothek ist es fortan seine Arbeit, aus tausenden bloßer Tierschädel „alte Träume“ zu lesen, die nur er als Traumleser mit seinen besonderen Augen lesen kann. Inhalte bekommt er dadurch keine vermittelt, sie wandern lediglich durch ihn hindurch und verschwinden dann. Sein Schatten ist dabei wie ein Mensch; er hat Gesichtszüge, trägt Klamotten, isst und trinkt, arbeitet und wird krank. Der Schatten fordert von ihm eine möglichst genaue Karte von der Stadt, womit der Erzähler auch gewissenhaft beschäftigt ist. Der Schatten plant mithilfe dieser Karte auszubrechen und zu fliehen, da er die Stadt durchschaut und die eigentlichen Vorgänge als falsch wahrnimmt.

So viel zunächst zur groben Zusammenfassung – wie man merkt, ist es alles sehr fantastisch. Schnell wurde mir beim Lesen klar, dass dies in einem ungleich stärkeren Verhältnis ein rein fantastischer Roman ist, als es die anderen Romane Murakamis sind, die ich wegen ihrem dezenten Surrealismus so sehr schätze. Die Geschichten in den beiden Welten wechseln sich Kapitel für Kapitel ab, wie Murakami es später auch etwa in „Kafka am Strand“ oder „1Q84“ wiederholt. Dieser Erzählstil liegt ihm recht gut, und die Tempi der beiden parallellaufenden Erzählungen sind eigentlich immer stimmig. Schlecht stießen mir besonders oft die mies konstruierten Dialoge auf; ich kann mich nicht erinnern, dass die anderen Bücher von ihm in dieser Hinsicht gar so schlecht waren. Die Unterhaltungen sind oft derart unrealistisch, dass sie selbst in einem fantastischen Roman falsch wirken. Die dicke Enkelin des Professors etwa spricht in unvergleichlich plumper Weise scheinbar ununterbrochen von ihrer sexuellen Lust auf den Protagonisten, wirft ihm immer wieder obszöne Fragen und Anmerkungen hin. Die Darstellung von Sex und damit zusammenhängenden Gedanken ist auch in den anderen Romanen von Murakami ein fester Bestandteil, doch meine ich mich an eine wesentlich dezentere, gekonntere Schreibart zu erinnern. Hier wird mit den Worten und Aussagen einfach die Tür eingetreten. Normale Dialoge, in denen es nicht plumperweise um Sex geht, sind ganz in Ordnung geschrieben, aber herausragend sind die auch nicht. Es kann allerdings auch gut sein, dass dies eine Problematik der Übersetzung ist; die beiden Erzählstränge wurden von unterschiedlichen Personen übersetzt (wobei ein Name des Übersetzers unveröffentlicht bleibt). Die bereits erwähnten Murakami-Romane, die mir besonders gut gefielen, wurde alle von Ursula Gräfe übertragen, die hier offenbar keine Rolle spielte. Tatsächlich fielen mir immer wieder unschöne Sätze auf, die man gewiss anders übersetzen hätte können, bspw. als geschrieben wurde, dass der Lieblingfriseur oft "frequentiert" wurde. Andere Anspielungen auf die westliche Popkultur, die bei Murakami allgegenwärtig sind, schienen mir ebenfalls zu erzwungen, als wären manche Szenen extra nur so geschrieben, dass die Anspielung auf einen Song, die Erwähnung des Jazzgenres oder von unterschiedlichen Whiskeysorten gerade aufgingen. Natürlich darf der Autor ja seine persönlichen Vorlieben, Faibles und Wissen einbringen, meistens soll er das sogar, aber hier schien einfach alles zu gestellt, zu konstruiert zu sein. Schlussendlich wurde ich mit dem ganzen Setting einfach nicht so richtig warm. Wie ich schon eingangs beschrieben habe, ist doch alles sehr abgefahren und weit hergeholt. Man verstehe mich nicht falsch – normalerweise mag ich sowas; aber dieser Roman war für meine Auffassung noch nicht ausgereift genug. Sein unmittelbar nächster Roman „Naokos Lächeln“ zeugt bereits von einer sehr viel stärkeren Reife und Zusammenstellung. Die fünf Punkte gebe ich für einen sehr durchwachsenen Roman, der eigentlich nicht wirklich empfehlenswert ist; allein, ich muss einen Murakami-Fanbonus geben, denn seine übrigen Bücher (außer 1Q84 Buch 3 …) finde ich wirklich wunderbar und unbedingt lesenswert. Außerdem sind in diesem Werk bereits immer wieder auch tolle Szenen und stilistische Eigenheiten erkennbar, die sich in den folgenden Werken erst zur Perfektion herausbilden.

btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, 507 Seiten
Aus dem Japanischen von Annelie Ortmanns
ISBN: 9783442736270

Wertung: 5 / 10

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